Freitag, 8. Februar 2013

Bergsteiger

Meine neuen Reisegefährten Mohammed und Theresa
Was hat er mich die letzten Tage für Berge hochgejagt, dieser kleine Spanier marokkanischer Herkunft. Er ist ein echter Kampfzwerg, dabei kämpft er eigentlich gar nicht wirklich, weil er  in seiner tiefreligiösen (Muslim) Art und Weise weiß, dass er für alles belohnt wird. „Wer eine Aussicht haben will, der muss zuvor ein bisschen leiden!“ und das ist tatsächlich hier unser Motto. Er will eine Aussicht haben und ich will seine Wege mitgehen, um zu erfahren, was ihn antreibt. Nie im Leben wäre ich alleine dazu bereitgewesen 1000 Höhenmeter zu ersteigen.
Doch das Schicksal hat uns zusammengeführt und ich will den Weg gehen. Unermüdlich stampft er mit seinen Wanderschuhen voran durch den Schnee, der von Meter zu Meter höher wird und langsam meine Turnschuhe von unten und oben nass macht.


Selbst in diesen Wäldern ist alles anders als wir es kennen. Keine Tiere, keine Vögel, nichts. Nur gewaltige Fußspuren von Wölfen und Bären begegnen und manchmal auf unseren einsamen Wegen, die anhand der fehlenden Fußspuren seit Wochen keiner mehr betreten hat. Nun denn, dann sind wir eben die ersten. Nichts hält uns davon ab. Angespornt von der im Schnee glitzernden Sonne auf dem Gipfel, steigen wir Meter um Meter dem Ziel entgegen. Nach 2,5 Stunden Aufstieg ist es soweit: Wir eine Offenbarung erreichen wir die Spitze, die in eine seltsam friedliche Stille ingehüllt zu sein scheint. Kein Wind, kein Vogel, nicht einmal ein Insekt ist hier zu hören. Die berauschende Stille des Friedens. Ein unbeschreibliches Gefühl, das einen erfasst und erzittern lässt. Mohammed ist derart ergriffen, dass er in seinem Gebet in einen tranceartigen Zustand fällt und erst nach 10min wieder geistig bei uns angekommen ist.
Es ist interessant, was die Natur mit uns machen kann, wenn wir ihr nur lauschen.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Polizei - Dein Freund und Helfer

Einige Tage  beginnen verrückt und enden noch viel verrückter. Seit zwei Tagen bin ich jetzt mit Mohammed und Theresa unterwegs. Ich traf sie  in Trabzon bei einer Couchsurferin. Sie sind Erasmusstudenten wie ich und studieren in  Izmir. Interessanterweise haben sie fast dieselbe Route wie ich hinter sich und weil sich auch unsere zukünftigen Reisepläne überschneiden, haben wir beschlossen zusammen zu reisen. Was uns unterscheidet ist jedoch die Art und Weise zu reisen. Während ich aus Bequemlichkeit es des Öfteren bevorzugt habe mit dem Bus zu reisen, ziehen die beiden es tatsächlich durch ausschließlich per Anhalter voranzukommen. „Wir haben in den letzten 10 Tagen vielleicht jeder insgesamt 20 € gebraucht. Wir werden überall eingeladen und sie lassen uns bei sich übernachten. Außerdem haben wir ja unser Zelt dabei, falls mal gar nichts klappt.“ Für 5° Außentemperatur eine ganz schön unbequeme Option wie ich finde. Ich merke schnell, dass wir grundverschiedene Wege gehen als sie beschließen  die 3 km zu einer Sehenswürdigkeit zu laufen, anstatt einen Minibus für 1€ zu nehmen und sich so 1 Stunde Fußweg sparen. Während sie einfach nur mit allen Mitteln Geld sparen wollen, will ich einfach nur mit allen Mitteln Zeit sparen. Für mich ist das das wichtigste Gut, denn das Land ist riesig (doppelt so groß wie Deutschland), es gibt viel zu sehen, doch die Sonne geht auch hier schon um 5 Uhr unter. Die wenige Zeit an Tageslicht will und muss also effektiv genutzt werden.
 
Eines der ältesten christl. Felskloster der Welt (4. Jh.)
Wir stehen also nach 6 Stunden Schlaf auf, um 70 km in den Süden zu fahren und anschließend nochmals 130km in die andere Richtung zurückzulegen. Dort ist ein Kloster aus dem 8. Jahrhundert in den Berg gebaut, was wir heute besichtigen wollen. Aber dieses Mal mache will ich mit ihnen gleichziehen und wir reisen zusammen per Anhalter diese Strecke über verschiedene Städte und Dörfer. Interessanterweise funktioniert dies zu dritt viel besser als alleine. Als Reise“gruppe“ wird man hier schnell als bedürftig erkannt. Zum Beispiel hielt ein Auto an einer wenig befahrenen Straße für uns an,  das selbst bereits mit 4 Menschen gefüllt war. Aber kein Problem. Wo 4 Menschen rein passen, da passen auch irgendwie 7 Menschen rein. Irgendwie. Wie selbstverständlich nimmt die Oma die Tante auf den Schoß, der Cousin den anderen Cousin, einer sitzt auf dem Schaltknüppel – und los geht’s! 
Als es dann gegen Abend ging und wir wieder auf einer fast leeren Straße einen Bus zum nächsten Dorf nehmen mussten, treffen wir Zeki.  „Ich bin Polizist. Willst du mit mir nachher einen Tee zusammen trinken?“. Habe ich denn eine Wahl? „Ach komm, wir gehen jetzt mal zu meiner Wache. Ich zeige dir wo ich arbeitet!“, wirft er seinen eigenen Plan über den Haufen, packt mich auf freundliche Art am Arm und wir stolzieren mit etwas mulmigen Gefühl davon. Tatsächlich landen wir auf der örtlichen Polizeiwache. „Hey Erkan! Ich hab Freunde mitgebracht!“. Und so sitzen wir also in der Polizeiwache, erzählen unsere Geschichten (wo wir her kommen und was wir hier machen) und trinken dutzende Tee mit unseren neuen Freunden. „Ihr seid die ersten Touristen, die ich hier auf der Wache kennenlerne! Seid willkommen!“. Und tatsächlich werden wir als echte Attraktion behandelt. „Du kommst aus Deutschland? Ah, ich habe einen Onkel dort. Warte, ich rufe ihn an!“, und so muss ich mit Leuten in Deutschland telefonieren, während die anderen 2 aufgefordert werden mit der englischsprechenden Tochter des Generals zu skypen. „Hey Betül, schau mal wen ich hier habe! Sprich mal mit denen! Ist das nicht toll? Die sind hier gerade im Dorf!“. Irgendwie alles bizarr, aber witzig.
Polizeichef beim Skypen mit seiner Tochter
 „Und wo schlaft ihr heute?“, stellt er schließlich die Frage, auf die Mohammed insgeheim gehofft hat, denn sein Plan war es hier in diesem Dorf jemanden zu finden, der uns bei sich übernachten lässt. Diese Spekulation auf die Gastfreundlichkeit ist zwar nicht unbedingt meine Art, aber ich will mal schauen wohin das führt. „Wir haben keinen Schlafplatz. Wir sind Studenten und haben kein Geld. Wir haben aber unser Zelt dabei. Wir werden also draußen schlafen.“ – „Draußen? Viel zu kalt! Nein, nein, das macht ihr nicht.“  Aha, das machen wir also nicht? „Jetzt gebt uns erst einmal eure Ausweise. Reine Routinekontrolle. Kein Problem.“ In Deutschland würde man an dieser Stelle laut aufschreien: ‚Reine Routinekontrolle? Das ist ja wohl ein Problem, denn ich stehe hier anscheinend unter Generalverdacht. Kein Problem – keine Kontrolle! Was soll also dieses doppelte Spiel?‘. Aber wir spielen mit. Was können wir auch anderes machen.  Und wir werden dafür belohnt: Eine Stunde später, nachdem sie gemerkt haben, dass wir „sauber“ sind, fahren wir in eine Herberge, in dem die Polizisten mit einigem Zureden aushandeln konnten, dass wir umsonst dort schlafen können. Die Polizei in diesem Dorf wird tatsächlich zu unserem Freund & Helfer. „Ihr seid ihr immer herzlich Willkommen! Wir bleiben in Kontakt auf Facebook ok?“ rufen sie mir zu während sie in den Streifenwagen steigen und daraufhin in die Nacht düsen. Wir bleiben für einen Moment stehen, winken ihnen nach und können immer noch nicht fassen, was heute alles passiert ist.
Ein verrückter Tag – und ich denke nicht nur für uns.

Montag, 4. Februar 2013

Captain, my Captain!

Nichtsahnend schleppe ich mich mit meinen 2 Rucksäcken die Strandzufahrt in Samsun entlang. Ein graubärtiger Mann empfängt mich mit seinem starren Blick schon von weitem. „Good morning!“ nuschelt er, sodass ich zuerst nichts verstehe und reflexartig mit „Ich hab kein Geld“ antworte und ihn linksliegen lasse. „I said: good morning my friend!“ ruft er mir hinterher, sodass ich stehen bleibe und wir uns in ein Gespräch verwickeln. „Ich bin Ömer. Captain Ömer. Man kennt mich hier! Dort vorne ist ein Cafe, dort kennen sie mich auch. Lasst uns dahin gehen, sie werden uns einladen, du wirst sehen!“
Alleingängertrips wie den meinen sind genau für solche Situationen geschaffen. Einfach mal alle Pläne über den Haufen werfen und mit irgendeinem interessanten Kautz in ein Cafe gehen und seine Geschichte anhören. Denn so lernte ich Ömer – pardon: Captain(!) Ömer- kennen.
Er ist in Australien groß geworden und mit 19 Jahren erstmals in die Türkei gekommen. Er musste dort die Sprache und Kultur genauso wie ich lernen, da ihm seine Eltern kaum türkisch beigebracht hatten. In Samsun hat er dann sein erstes Geld verdient, was er mir im anschließenden Stadtrundgang eindrücklich vermittelt. „Hier habe ich gearbeitet,  dort das große Hotel, auch in diesem Hotel dort drüben, und ihr habe ich ganz früher Brötchen verkauft. Ja, auch das habe ich gemacht. Ich habe sehr viel gemacht und kenne sehr viele Leute. Du bist ein Glückspilz, dass du mich getroffen hast.“ Ich weiß noch nicht so recht, ob ich tatsächlich so ein Glückspilz bin, denn schließlich ist er mir ja hinterhergelaufen. „Hey du! Ali! Gib meinem deutschen Freund ein paar Kastanien. Er sieht hungrig aus“ ruft er einem Straßenverkäufer zu, der augenblicklich respektvoll gehorcht und ohne mit der Wimper zu zucken eine kleine Packung Kastanien als Geschenk reicht. „So, und jetzt gehen wir richtig essen. Ich kenne hier viele Leute, das musst du wissen. Viele Freunde hier. Man kennt mich. Ich bin Captain Ömer!“ Jaja, ich habe mittlerweile verstanden, dass dir der Titel Captain sehr wichtig und du sehr viele Leute kennst.
„Weil wir uns jetzt kennen gehörst du jetzt auch zu meiner Crew! Mein Haus soll dein Haus sein. Wann immer du Probleme hast, ruf mich an! So, und jetzt gehen wir richtig essen.“ 3 Ecken weiter führt er mich in eine belebte Einkaufstraße und dort in einen Aufzug in den 7 Stock in ein dementsprechend nobles Restaurant. „Pass auf, mein Freund!“ flüstert er mir noch zu, als er aus dem Fahrstuhl steigt und in wenigen Sekunden von ein paar Männern im Anzug umringt ist. Es stellt sich heraus, dass er fast alle Mitarbeiter inkl. des Chefs des Nobelrestaurants kennt und anscheinend ein gern gesehener Freund ist. „Setz dich! Der Chef wird dir das Beste bringen, was er hat.“ Und dieser lies keine 3 min auf sich warten. Der leere Platz an unserem 3er Tisch war sozusagen ganzzeitlich von verschiedenen Freunden von Ömer besetzt, Jeder wollte wissen, was ich hier mache, woher ich komme, woher ich Captain Ömer kenne. Lauter neugierige Nasen im Anzug, die auch mir schnell sympathisch waren.
Und so muss ich meine Geschichte ca. 10 Mal in 5 min wiederholen. Aber ich erfuhr auch einiges über Ömer. „Ich arbeite derzeit in einem Restaurant in Manavgat. An der Südküste der Türkei. Ich bin gerade nur hier, weil ich das alte Haus meines Vaters renovieren muss. Mein Bruder hilft mir dabei. Er hat schon zwei Mal angerufen, dass er ein Problem mit der Toilettenspülung hat, aber ich habe ihm gesagt, dass ich dich hier habe. Mein Bruder kann warten! Ja, …und außerdem mach ich Pornofilme.“ Du machst was? Das Statement kam aus heiterem Himmel und ich war nicht wirklich darauf vorbereitet. Naja, obwohl: Ich hätte es ahnen können. Irgendwas ist ja immer…. Es folgt betretendes Schweigen, weil er meine Reaktionen abwartet und ich noch überlege, ob ich das wirklich richtig verstanden habe und wie man eigentlich auf so etwas antwortet. Soll ich sagen: „Aha. Interessant, erzähl mir mehr.“ Oder sensibel auf dieses Tabuthema reagieren? Oder einfach nichts sagen? Der Restaurant Chef Bulut unterbricht die Stille, in dem er die dritte Portion Pommes bereitstellt, weil er sieht, dass diese mir besonders gut schmecken.
„Das ist ein toller Nebenverdienst und ich schlafe mit sehr vielen Frauen“, führt Captain Ömer anschließend ungefragt weiter aus. „Manchmal kommen sie zu immer und wollen unbedingt, aber ich kann auch nicht immer“, grinst er mich an, während er sein Pizzastück in alter Seemannsmanier mit der Gabel aufspießt und mit dem Pizzaboden nach oben in seinen Mund steckt.
2 Pizzen, 2 großen Salate, 1 Korb Olivenölbrot , 2 Cola und 3 Facebookfreundschaftsanfragen der Kellner und des Chefs später, spazieren wir aus dem Restaurant wieder heraus. Alles ging aufs Haus. Wir haben nichts davon zahlen müssen. „Ich sagte dir ja, dass das meine Freunde sind. Und jetzt sind es auch deine Freunde. Sie werden dir helfen, falls du sie brauchst! Sei gewiss!“
Captain Ömer, der Seemann, der Restaurantbesitzer, der Menschenfreund, der Frauenfreund und nicht zuletzt der Pornodarsteller war eine tolle und interessante Begegnung, die mir gezeigt hat, dass hinter mancher Profilneurose („Ich bin bekannt hier“) manchmal auch tatsächlich die Wahrheit stecken kann.

Samstag, 2. Februar 2013

Der Sonnenkönig

Es ist faszinierend zu sehen wie andere Familien funktionieren. Ich erlebe hier eine unglaubliche Loyalität in allen Belangen. Meine Gastgeberin Irem (23) ist ein wirklicher Engel und will ihre Familie auf die Beste Art und Weise repräsentieren. Also beherbergt sie mich wie einen König. Aber warum? Was hat sie davon? Hat sie nicht irgendwann auch mal die Schnauze von mir voll? Nervt sie es nicht, dass wir aufgrund der Sprachbarriere nicht richtig kommunizieren können und uns nur noch Gestik weiterhelfen? Wird sie denn nicht froh sein, wenn sie mich als Bürde endlich los hat? Das sind eher so europäische Fragestellungen, die hier schlicht fehl am Platz sind. Der Gast ist König und das soll er auch gefälligst spüren. Ob es ums Tischdecken oder ums Rechnung bezahlen in einem teuren Restaurant geht – der Gast hat still zu sitzen. Für mich eine ganz neue Herausforderung.
Ich wurde regelrecht davon gejagt, als ich helfen wollte den Tisch zu decken. „Sitz und warte! Wir machen alles!“ wurde mir wie einem Hund vermittelt. Also sitze ich und warte bis der Tisch mit den teuersten Nüssen und exotischen Früchten (im Winter!) gedeckt ist. Hier will die Passivität aushalten gelernt sein. Ein ganz ungewöhnliches Gefühl, denn es kribbelt mir schon wieder in den Fingern, wenn ich zusehen muss wie sie ein riesiges Tablett durch die schmale Küchentür balanciert.

Amasya
Reflektierend merke ich dabei wie wir in Europa doch so völlig anders erzogen werden: Wir folgen dem Konzept der Autonomie. Sobald das Kind gehen kann, wird es hinaus geschickt in die Welt, um dort draußen zu überleben. Selbstgesteckte Ziele sind immer: Unabhängigkeit, Freiheit, Autonomie. Hier ist das nicht so. Es wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht ihre Eltern mit ihrem späteren Einkommen mitfinanzieren. Es wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht bei den Eltern wohnen bleiben. Es wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht auf die Meinung und den Rückhalt der Familie angewiesen sind. Mein Freund Hasan beschrieb dies mir einst so: „Während ihr Europäer alles was ihr für euren Antrieb braucht, nämlich euren Kopf, ständig bei euch habt, so haben wir hier in der Türkei unseren Antrieb in der Familie verwurzelt. Das heißt: Sobald wir in ein fremdes Gebiet eindringen sind wir orientierungslos und völlig verloren. Deswegen scheitern wir auch bei jedem Versuch starke Individuen auszubilden.“
Und weil die Familie so groß geschrieben werden muss, und ein Gast der Familie deshalb repräsentativ für deren interne Funktionalität steht, muss der Gast warten, muss Rezipient statt Teilnehmer werden. Und so warte ich. Gerne wäre ich bereits vor einer Stunde ohne Frühstück gegangen, der lange Weg, er heute noch vor mir liegt, verlangt es eigentlich von mir. Doch ich muss warten - denn der Tisch ist noch nicht für das pompöse Frühstück gedeckt.

Freitag, 1. Februar 2013

Schlafwandler

Fern ab aller Zivilisationen pilgere ich derzeit durch die Schwarzmeerküste. Mein Rucksack soll für 4 Wochen lang mein einziger Begleiter sein. Ängstlich habe ich die Reise ins Ungewisse angetreten, doch ich habe glücklicherweise immer kurzfristige Lösungen gefunden. Dank eines geniales Internetnetzwerks und einer tollen Community, gibt es die Möglichkeit bei jungen Menschen einen Schlafplatz zu erfragen, die einen dann für 1-2 Nächte beherbergen. So waren meine ersten 2 Stationen abgedeckt und die Reise konnte beginnen. Bereits am vierten Tag merke ich jedoch wie mein anfänglicher Enthusiasmus langsam nachlässt. Reisen ist verdammt anstrengend. Vor allem, wenn man auf den Geldbeutel schauen muss und auf die Gastfreundlichkeit der Menschen angewiesen ist. Aber nicht nur das Geld ist mein ausgekorener Feind, sondern auch die Dunkelheit.
 So ist jeder Tag eigentlich ein Wettlauf mit dem Sonnenlicht. Sobald es dunkel geworden ist sinken die Chancen, dass ich per Anhalter eine Mitfahrgelegenheit finde. Genauso auch die Temperaturen, die sich hier im Norden derzeit um die 3-9 Grad Celsius eingependelt haben. Ich bin sozusagen heilfroh, wenn zu der Kälte nicht auch noch Regen hinzukommt.
Vielleicht gibt es angenehmere Ziele in der Türkei zu bereisen, vielleicht gibt es auch günstigere Zeitpunkte, aber ich habe mir nun mal dies so ausgesucht und werde es auch durchziehen. Für einen Rückzieher bin ich viel zu dickköpfig.
Amasra
Resultat der widrigen Umstände ist, dass ich fast ununterbrochen müde bin. Es dauert keine 15 min in einem warmen Raum, Auto, Bus oder Truck und mein Kopf klebt an der Fensterscheibe und von mir ist nur noch ein leises Schnarchen zu hören. Zum Glück sage ich meinen Fahrern zuvor immer wo ich raus möchte, sodass sie mich rechtzeitig wecken.
Ich habe in den vergangenen Tagen zunehmend das Gefühl, dass ich nicht wirklich wach bin. Irgendwo hänge ich in der dünnen Zwischenwelt zwischen Traum und Realität fest. Alles scheint so unwirklich, so un(be)greifbar. Die Erinnerungen der letzten Stunden verblasen schon wieder, während ich hier gerade wieder ziellos aus dem Fenster schaue und dabei in einen seichten Dämmerschlaf falle.
Mein Fahrer Ömer
In diesem Schwebezustand versetzt, versuche ich mich durch die Verbindungen zu Außenwelt mittels des Internet zu erden. Es wird mir ganz schwindelig zu Mute, wenn ich daran denke, dass absolut niemand weiß, wo ich gerade bin. Doch auch diese Strategie wirkt nicht so gut wie gedacht: Auf der Suche nach Bekanntem treffe ich nur auf radikale Veränderungen. Zuhause hat sich einiges verändert. Alles wird anders. Ja, auch in 5000km Entfernung funktioniert das Leben prozessual. Und genau diese Erkenntnis macht mir gerade so Angst. Werde ich noch rein passen? Wird noch ein Platz für mich da sein? Werde ich sie noch wiedererkennen? Werden sie mich noch wiedererkennen?
Auf der Suche nach sich selbst, verliert man sich auch am schnellsten….