Ich wurde regelrecht davon gejagt, als ich helfen wollte den
Tisch zu decken. „Sitz und warte! Wir machen alles!“ wurde mir wie einem Hund
vermittelt. Also sitze ich und warte bis der Tisch mit den teuersten Nüssen und
exotischen Früchten (im Winter!) gedeckt ist. Hier will die Passivität
aushalten gelernt sein. Ein ganz ungewöhnliches Gefühl, denn es kribbelt mir
schon wieder in den Fingern, wenn ich zusehen muss wie sie ein riesiges Tablett
durch die schmale Küchentür balanciert.
| Amasya |
Reflektierend merke ich dabei wie wir in Europa doch so
völlig anders erzogen werden: Wir folgen dem Konzept der Autonomie. Sobald das
Kind gehen kann, wird es hinaus geschickt in die Welt, um dort draußen zu
überleben. Selbstgesteckte Ziele sind immer: Unabhängigkeit, Freiheit,
Autonomie. Hier ist das nicht so. Es wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht ihre Eltern mit ihrem späteren
Einkommen mitfinanzieren. Es wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht bei den Eltern wohnen bleiben. Es
wäre hier undenkbar, dass die Kinder nicht
auf die Meinung und den Rückhalt der Familie angewiesen sind. Mein Freund Hasan
beschrieb dies mir einst so: „Während ihr Europäer alles was ihr für euren
Antrieb braucht, nämlich euren Kopf, ständig bei euch habt, so haben wir hier
in der Türkei unseren Antrieb in der Familie verwurzelt. Das heißt: Sobald wir
in ein fremdes Gebiet eindringen sind wir orientierungslos und völlig verloren.
Deswegen scheitern wir auch bei jedem Versuch starke Individuen auszubilden.“
Und weil die Familie so groß geschrieben werden muss, und
ein Gast der Familie deshalb repräsentativ für deren interne Funktionalität
steht, muss der Gast warten, muss Rezipient statt Teilnehmer werden. Und so
warte ich. Gerne wäre ich bereits vor einer Stunde ohne Frühstück gegangen, der
lange Weg, er heute noch vor mir liegt, verlangt es eigentlich von mir. Doch
ich muss warten - denn der Tisch ist noch nicht für das pompöse Frühstück gedeckt.
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