Im Durchdringen des Systems Sozialität trifft man immer
wieder auf sich aufwerfende Fragen:
Woher kommt es, dass die Gesellschaft hier so homophob ist? Warum
scheinen Geschlechterrollen in Stein gemeißelt? Woher kommt dieses absurde
Verlangen nahestehende Individuen als schützenswerter Eigentum zu betrachten?
Folgeerscheinungen einer Sozialisierung.
Begeben wir uns auf eine Reise. Sie führt uns die meine
unmittelbare Umgebung: meine Nachbarn. Ich habe sie ja noch nie gesehen, da ich
als Europäer in einem islamischen Viertel nicht gerne gesehen werde, mich meine
Mitbewohnerin bei den Hausbewohnern leugnet und ich deshalb nur under-cover
hier wohne und nicht mal die Tür öffnen darf. Aber ich brauche meine Nachbarn
nicht zu sehen, um zu verstehen, wie ihre Kinder erzogen werden. Das höre ich
ganz gut durch die Pappwände.
"Mädchen tragen rosa" |
Meine Nachbarn folgen dem einfachen Prinzip: Wer am
lautesten schreit gewinnt. Diese Politik führt vor allem in Interaktion mit
ihren 5-jährigen Kindern zu täglichen Schrei-Wettbewerben. „Deniz, du verstehst
ja, was die da brüllen. Ist das das Erziehungsideal?“, frage ich sie. „Uffya“,
zischt sie den typisch türkischen Laut, um präventiv Dampf abzulassen. „Was die
türkische Erziehung auszeichnet? Mh, ich denke vor allem ein Fehlen von
Vertrauen. Kinder werden eigentlich immer bevormundet. Sie sind zart,
verletzlich und können nichts alleine, deswegen muss ihnen immer und überall
klar gemacht werden nach welchen Regeln hier gespielt wird: den Regeln der
Erwachsenen. Das Problem ist, dass Kinder diese Standards nicht erreichen
können und deswegen daran scheitern müssen.“ Ich nicke ihr zu und bin mir nicht
ganz sicher, ob ich verstehe auf was sie hinauswill. „Die türkische Jugend ist
davon geprägt kein Selbstvertrauen zu haben. Das merkst du ja selbst in der
Uni: Die bekommen alles vorgekaut und schonend zubereitet auf den Tisch gelegt.
Ich glaub bei euch in Europa wird da kritischer gedacht.“ – „Naja, zumindest
sind wir dazu angehalten nicht alles bare Münze zu nehmen.“ – „Ja genau, das
mein ich. Hier aber muss man nicht denken, sondern macht einfach nur nach, was
andere schon gemacht haben. Weil man hier kein Vertrauen zu sich selbst
entwickeln kann, wird sich an alte, haltgebende Strukturen geklammert: Religion
und Familie. Ich möchte nicht sagen, dass das schlecht ist, aber hier in der
Türkei wird es so radikalisiert: Religion sowieso, klar, und Familie – Familie
ist schon jeher ein schützendes Gut gewesen hier. Warst du schon mal mit einem
türkischen Mädel aus?“. Leicht überrascht von der spontanen, für mich
zusammenhangslosen Frage, antworte ich: „Ähm, ne. Hat sich irgendw…“ – „Ja,
dacht ich mir: Weil türkische Mädels und Jungs sind hier strikt getrennt. Für
mich ist das bis heute ein Problem, weil ich gerne mit Jungs rumhänge. Und du
siehst ja auch: ich hab DICH als Mitbewohner.“ Hach, welche eine Ehre. „Und
wenn jemand versucht mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten, dann
bricht das gleich ne Welle aus: da kommt der Bruder, dann der Vater, dann der
Onkel – alle wollen sie nach dem Rechten schauen. Oh Gott, wenn meine Eltern
zum Beispiel wüssten, dass ich mit DIR zusammen wohne!“ Aha, ist das jetzt
positiv oder negativ? Aber sie spricht weiter: „Auch die Eifersucht von Paaren
und das ständige Misstrauen, wenn man mal mit jemand anderem unterwegs ist und
das Tabu einer homosexuellen Lebensform. - Das hängt alles zusammen. Alles mit
dem fehlenden Vertrauen, was Kindern in der Erziehung nicht gegeben wird. Alle
so engstirnig!“. In Gedanken versunken schütteln wir beide resignierend den
Kopf und träumen uns in unser idealisiertes Europa, wo aus der Ferner alles so
einfach zu sein scheint.
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