Hungrig und erschöpft stolpern wir die Hügel Istanbuls
herunter und auf der anderen Seite wieder hoch. An jeder Stelle haben wir das
Gefühl abgezockt zu werden. 3 Tee und eine Cola: 4 Euro (Preis in Ankara 2 Euro),
ein Pfannkuchen gefüllt mit Hack 2,5 Euro (Preis in Ankara 1 Euro). Istanbul
ist nicht nur eine stickige Kloake mit tausenden von verrückten, lärmenden
Autos und tausend steilen Hügeln, sondern ist zudem auch noch teuer!
Nun gut, wir haben die Nase voll von Wohnungssuche. In einem
Internetcafé machen wir die letzten Ansprechpartner für Wohnungen ausfindig und
schreiben diesen mit meinem Handy eine
SMS. Unsere Irrwege haben uns mitten in das „gefährlichste“ Viertel Istanbuls
gebracht. Wir gehen zu viert eine Straße entlang, die auf einmal nicht mehr
beleuchtet wird. Links und rechts stehen muskelbepackte Männer, die an ihren
Autos lehnen und uns Rucksacktragende Ahnungslose mit verachtenden Blicken
prüfen. Joseph bleibt stehen ohne sich um zu drehen, wartet bis ich auf seiner
Höhe bin und flüstert mit unbewegten Lippen: „Wir sollten hier wirklich gaanz
schnell umdrehen“. Wir drehen uns um und finden am Anfang der Straße eine
Polizeistation. Die Polizei! Der Freund und Helfer! Die können uns doch
bestimmt sagen, wo man hier günstig übernachten kann. Wir gelangen an Erkan,
einen durchtrainierten Mann Ende 20, der uns stolz entgegnet: „Ich kann euch
helfen! Ihr wollt ein billiges Zimmer? Ich besorge euch ein billiges Zimmer!“.
Ich schmunzle leicht über seine Selbstüberzeugung. „Jungs, ich habe eine Waffe
und bin Polizist. Ihr bekommt durch mich einen guten Preis. Dafür sorge ich!“.
Bei seinen letzten Worten muss ich schlucken. Er scheint das ziemlich ernst zu
nehmen hier. Wir folgen ihn über die Straße, über die er schreitet, als wäre es
selbstverständlich, dass jeder für ihn anhält. Wir versuchen halb rennend, halb
vom Verkehr verängstigt ihm zu folgen. „Du kommst also aus Deutschland,
richtig?“, beginnt er mich zu fragen. "Was denkst du über Hitler?“ Ähm,
anscheinend muss man als Deutscher hier auf solche Fragen vorbereitet sein. Ich
bin es auf jeden Fall nicht. „Hitler?“, würge ich vor lauter Schock über die
Frage raus, „Hitler war ein schlimmer Mensch. Das bestreitet in Deutschland
kein Mensch.“ Er bleibt einen Moment stehen. Schaut mir in die Augen und sagt
allen Ernstes: „Warum sagst du so etwas? Hitler war ein guter Typ. Er hat für
viel Ordnung gesorgt!“. Mein Herz rutscht mir komplett in die Hose. Ich weiß
nicht, was mir mehr Angst machen sollte: Dass ein türkischer Polizist
bekennender Hitler-Fan ist, oder, dass wir diesem Kerl gerade echt folgen und
er uns ein Zimmer besorgt?
Die Müdigkeit und die Schockstarre gewinnen. Wir folgen ihm
die Treppe rauf. An diesem Tag ist das 10 Euro Zimmer des Nazi-Polizisten
tatsächlich das Beste, was uns passiert ist. Sad but true.
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