Samstag, 15. September 2012

Mehr als nur Geschichten 4/7 - Dein Freund und Helfer



Hungrig und erschöpft stolpern wir die Hügel Istanbuls herunter und auf der anderen Seite wieder hoch. An jeder Stelle haben wir das Gefühl abgezockt zu werden. 3 Tee und eine Cola: 4 Euro (Preis in Ankara 2 Euro), ein Pfannkuchen gefüllt mit Hack 2,5 Euro (Preis in Ankara 1 Euro). Istanbul ist nicht nur eine stickige Kloake mit tausenden von verrückten, lärmenden Autos und tausend steilen Hügeln, sondern ist zudem auch noch teuer!
Nun gut, wir haben die Nase voll von Wohnungssuche. In einem Internetcafé machen wir die letzten Ansprechpartner für Wohnungen ausfindig und schreiben diesen mit meinem Handy  eine SMS. Unsere Irrwege haben uns mitten in das „gefährlichste“ Viertel Istanbuls gebracht. Wir gehen zu viert eine Straße entlang, die auf einmal nicht mehr beleuchtet wird. Links und rechts stehen muskelbepackte Männer, die an ihren Autos lehnen und uns Rucksacktragende Ahnungslose mit verachtenden Blicken prüfen. Joseph bleibt stehen ohne sich um zu drehen, wartet bis ich auf seiner Höhe bin und flüstert mit unbewegten Lippen: „Wir sollten hier wirklich gaanz schnell umdrehen“. Wir drehen uns um und finden am Anfang der Straße eine Polizeistation. Die Polizei! Der Freund und Helfer! Die können uns doch bestimmt sagen, wo man hier günstig übernachten kann. Wir gelangen an Erkan, einen durchtrainierten Mann Ende 20, der uns stolz entgegnet: „Ich kann euch helfen! Ihr wollt ein billiges Zimmer? Ich besorge euch ein billiges Zimmer!“. Ich schmunzle leicht über seine Selbstüberzeugung. „Jungs, ich habe eine Waffe und bin Polizist. Ihr bekommt durch mich einen guten Preis. Dafür sorge ich!“. Bei seinen letzten Worten muss ich schlucken. Er scheint das ziemlich ernst zu nehmen hier. Wir folgen ihn über die Straße, über die er schreitet, als wäre es selbstverständlich, dass jeder für ihn anhält. Wir versuchen halb rennend, halb vom Verkehr verängstigt ihm zu folgen. „Du kommst also aus Deutschland, richtig?“, beginnt er mich zu fragen. "Was denkst du über Hitler?“ Ähm, anscheinend muss man als Deutscher hier auf solche Fragen vorbereitet sein. Ich bin es auf jeden Fall nicht. „Hitler?“, würge ich vor lauter Schock über die Frage raus, „Hitler war ein schlimmer Mensch. Das bestreitet in Deutschland kein Mensch.“ Er bleibt einen Moment stehen. Schaut mir in die Augen und sagt allen Ernstes: „Warum sagst du so etwas? Hitler war ein guter Typ. Er hat für viel Ordnung gesorgt!“. Mein Herz rutscht mir komplett in die Hose. Ich weiß nicht, was mir mehr Angst machen sollte: Dass ein türkischer Polizist bekennender Hitler-Fan ist, oder, dass wir diesem Kerl gerade echt folgen und er uns ein Zimmer besorgt?
Die Müdigkeit und die Schockstarre gewinnen. Wir folgen ihm die Treppe rauf. An diesem Tag ist das 10 Euro Zimmer des Nazi-Polizisten tatsächlich das Beste, was uns passiert ist. Sad but true.

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