Ich betrete das Dorfzentrum und schwimme sogleich in Musik.
Vielleicht trifft es der Ausdruck Lärm besser. Denn in der Mitte des Saales
stapeln sich neben der Liveband riesige Boxentürme, die 10 solcher Räume
beschallen könnten. Und als wäre das nicht genug, gibt es einen Trommler, der
dem rhythmischen Bass nochmals verstärkt Eindruck gibt und dabei alles, aber
auch wirklich alles übertönt.
So unterschiedlich die Bräuche sind, so ähnlich sind ihre
Gäste: Auch hier gibt es die pubertären Jugendlichen, die sich ganz an den Rand
des Raumes setzen, um sich ja von den ganzen anderen Menschen und Familien abzugrenzen.
Ihre frisch definierte Weiblichkeit firmieren die Mädchen in rosa Jeans und
rosa Smartphones – der eigentlichen Attraktion an diesem Abend für sie. Auch
hier gibt es die etwas unbeholfeneren Menschen, die einen 5-Nummern-zu –großen
Anzug tragen und Kinder, denen die Feierlichkeit völlig egal ist und
stattdessen zwischen den Tischen Fangen spielen.
Doch beim Tanz mischt sich alles. Männer mit Anzug, Männer
Kapuzenpullover – bei einem türkischen Tanz haben alle das gleiche Grinsen von
Glückseligkeit im Gesicht. Zuerst ist der Bräutigam traditionell mit seinem
Trauzeugen alleine bei Tanz. Nach wenigen Sekunden dürfen dann die nahen
Freunde hinzukommen und so weitet sich der Kreis, bis die Bühne voll von
Männern ist. Nach diesen 15-min Liedern bestehend aus 100 Dezibel und den
Schlägen des Trommlers, darf die Braut dasselbe machen. Um dem jeweiligen
Tanzenden Glück zu wünschen kommen die neu hinzutretenden mit Geldscheinen auf
die Bühne. Sie streifen das Geld über den Kopf des zu Beglückwünschenden und
legen es anschließend in einen großen Topf. Das Brautpaar scheint mit der
ganzen Situation minimal überfordert zu sein. Der segelohrige Bräutigam dürfte
Anfang/Mitte 20 sein und wirkt alles andere als Reif für eine Hochzeit. Man
kann förmlich spüren, dass die Gründe für eine Hochzeit hier andere sind wie in
unserer Kultur.
Nach 2 Stunden ist das Spektakel auch schon wieder vorbei.
80% der Gäste verlassen den Raum. Uns eingeschlossen. „Das war heute eine sehr
ruhige Hochzeit. Normalerweise ist mehr Bewegung. Aber die schlechte Musik hat
vieles kaputt gemacht.“ Ja, als kaputt kann ich auch mein Ohr, das der Musik
zugewandt war, bezeichnen. Nichtsdestotrotz will ich dieses Erlebnis nicht
missen!

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